Temperatursensoren · Fachartikel

Thermoelemente: Funktionsprinzip, Typen und Auswahl

Ein Thermoelement ist kein Kabel mit Spitze, sondern eine Messkette aus Werkstoffpaar, Temperaturgradient, Vergleichsstelle, Schutzrohr und Auswertung. Wer diese Kette versteht, wählt schneller den richtigen Fühlertyp und vermeidet Messfehler im Betrieb.

InfothekJuni 2026IEC 60584Direkt vom Hersteller
MessprinzipµV / °C
TypenK · J · N
THERMOSPANNUNG TEMPERATUR Typ K Typ S KALT HEISS MESSSTELLE · VERGLEICHSSTELLE · AUSWERTUNG
Seebeck
Temperaturdifferenz erzeugt Thermospannung
IEC 60584
genormte Kennlinien und Typen
Typ K bis B
Basismetall- und Edelmetalltypen im Praxisvergleich
100 %
Produkttiefe bei industriellen Temperaturfühlern
Vom Messprinzip bis zur fertigen Messstelle.

Keller, Ihne & Tesch fertigt Temperatursensoren direkt im eigenen Produktspektrum. Die Beratung endet deshalb nicht beim Thermoelementtyp, sondern umfasst Thermopaar, Schutzrohr, Leitung, Anschluss, Einbauteil und Auswertung.

100 %Produkttiefe · Hersteller

Das physikalische Prinzip: Wärme wird zur Spannung

Die Grundlage jedes Thermoelements ist der Seebeck-Effekt. Zwei Leiter aus unterschiedlichen Werkstoffen werden an der Messstelle verbunden. Liegt zwischen dieser heißen Messstelle und der kälteren Anschluss- beziehungsweise Vergleichsstelle ein Temperaturgefälle, entsteht eine Thermospannung.

Physikalisch entscheidend ist nicht einfach „zwei Metalle berühren sich“. Entscheidend sind die unterschiedlichen Seebeck-Koeffizienten der Werkstoffe entlang des Temperaturgradienten. Deshalb hat jedes Thermoelementpaar eine eigene Kennlinie und benötigt die passende Auswertung.

Das Thermoelement misst keine absolute Temperatur direkt. Es liefert eine kleine Spannung im Mikrovolt- bis Millivoltbereich. Das Messgerät berechnet daraus die Temperatur und muss die Vergleichsstelle sauber kompensieren.

Uth = SAB · (Tmess − Tref) Vereinfachte Darstellung für das Verständnis. In der Praxis ist die Kennlinie nicht streng linear; IEC 60584 beschreibt die genormten Thermospannungstabellen.
MessstelleDie verbundene Stelle des Thermopaares liegt dort, wo die Prozesstemperatur erfasst werden soll.
VergleichsstelleAm Übergang zur Messleitung entsteht der zweite Bezugspunkt. Ohne Kompensation verschiebt sich der Messwert.
ThermospannungDas Signal ist klein und typabhängig. Leitung, Stecker und Regler müssen zum Thermopaar passen.
Abb. 01Seebeck-Effekt
mV Leiter A Leiter B Messstelle heiß Vergleichsstelle

Schematischer Aufbau: Die Thermospannung entsteht aus dem Temperaturgefälle zwischen Messstelle und Vergleichsstelle. Das Messgerät muss den Thermoelementtyp und die Vergleichsstellentemperatur berücksichtigen.

Entscheidend ist die komplette Messkette: Thermopaar, Messstelle, Schutzrohr, Leitung, Anschluss und Auswertung müssen zusammenpassen.

Aufbau und Komponenten eines industriellen Thermoelements

Ein industriell eingesetztes Thermoelement besteht aus mehreren Ebenen. Jede Ebene beeinflusst Messqualität, Standzeit und Ansprechverhalten. Bei Mantelthermoelementen liegen die Thermodrähte in mineralischer Isolierung und werden von einem Metallmantel geschützt.

Abb. 02Mantelthermoelement
Metallmantel / Schutzrohr mineralische Isolierung, z. B. MgO Thermodraht + Thermodraht − Messstelle

Längsschnitt eines Mantelthermoelements: Die Messstelle kann je nach Ausführung geerdet, isoliert oder freistehend ausgeführt werden.

Vier Komponenten bestimmen die Messstelle

KomponenteFunktionTypische Ausführung
ThermopaarErzeugt die Thermospannung durch den Seebeck-Effekt.NiCr/Ni, Fe/CuNi, PtRh/Pt
IsolierungTrennt die Leiter elektrisch und führt Wärme zur Messstelle.MgO, Al₂O₃-Keramik, Glasfaser
SchutzrohrSchützt gegen Mechanik, Medium und Atmosphäre.Edelstahl, Inconel, SiC, Al₂O₃
AnschlussVerbindet Thermopaar und Messleitung.Anschlusskopf, Stecker, Ausgleichsleitung

Messstelle: geerdet, isoliert oder freistehend?

Geerdete Messstelle

Die Messstelle hat thermischen Kontakt zum Mantel. Das reagiert schnell, kann aber bei elektrischen Störungen oder Potentialunterschieden problematisch werden.

Isolierte Messstelle

Die Messstelle ist elektrisch vom Mantel getrennt. Das reduziert Störeinflüsse, reagiert aber in der Regel träger als eine geerdete Ausführung.

Genormte Thermoelementtypen nach IEC 60584

IEC 60584 beziehungsweise DIN EN 60584 beschreibt genormte Thermoelementtypen mit standardisierten Kennlinien. Für die Auswahl reicht die Typbezeichnung allein nicht aus. Entscheidend sind Temperaturfenster, Atmosphäre, Schutzrohr, Drahtdurchmesser, Einbaulage und die geforderte Messgüte.

TypMaterialpaarTypische EinsatzrichtungWorauf achten?Praxisnutzen
KNiCr / Nibreit eingesetzter BasismetalltypDrift, Atmosphäre und Grünfäule in kritischen Bereichen prüfenguter Einstieg für viele Ofen-, Werkzeug- und Maschinenprozesse
JFe / CuNiunterer bis mittlerer TemperaturbereichEisen-Schenkel und oxidierende Atmosphäre beachtengeeignet, wenn Prozess, Regler und Umgebung zu Typ J passen
NNiCrSi / NiSiBasismetalltyp für anspruchsvollere Hochtemperaturbereicheals Alternative prüfen, wenn Typ K durch Drift oder Atmosphäre kritisch wirdstabilere Messstelle in geeigneter Schutzrohr-Ausführung
ENiCr / CuNiAnwendungen mit hoher ThermospannungTemperaturfenster und Auswertung abstimmenstark, wenn Signalauflösung und Dynamik wichtig sind
TCu / CuNitiefe und moderate TemperaturbereicheProzessfeuchte und Kupfer-Schenkel berücksichtigensinnvoll bei passenden Medien und moderaten Prozessbedingungen
RPt13Rh / PtEdelmetalltyp für hohe TemperaturenReinheit von Keramik und Umgebung beachtenfür Prozesse, bei denen Stabilität und Werkstoffreinheit entscheidend sind
SPt10Rh / PtEdelmetalltyp für hohe Temperaturenempfindlich gegen Verunreinigungen; Schutzrohr sorgfältig auswählenfür Hochtemperatur- und Prüfaufgaben mit sauberer Messkette
BPt30Rh / Pt6Rhsehr hohe Temperaturbereichegeringere Thermospannung und Auswertung berücksichtigenfür hohe Prozesstemperaturen mit sauber ausgelegtem Schutzrohrkonzept

Die Tabelle dient der Vorauswahl. Die konkrete Ausführung muss nach Temperaturbereich, Atmosphäre, Bauform, Schutzrohr, Leitung und Auswertung geprüft werden.

Abb. 03Thermospannungskurven
E K N S/R B Temperatur Thermospannung

Qualitative Darstellung: Die Kurven verlaufen je nach Materialpaar unterschiedlich. Deshalb müssen Thermoelementtyp, Ausgleichsleitung und Auswertegerät zusammenpassen.

Schutzrohre und Werkstoffe: Die Hülle entscheidet mit

Das Schutzrohr ist keine Nebenkomponente. Es bestimmt, ob die Messstelle den Prozess übersteht, wie schnell sie reagiert und ob die Thermodrähte chemisch sauber bleiben. Eine schnelle Messstelle verlangt geringe thermische Masse. Eine robuste Messstelle braucht Materialreserve und den passenden Werkstoff.

Metallische Schutzrohre

Für viele Industrieprozesse, Heißgase, Maschinenbau und Ofenbereiche. Werkstoffe wie Edelstahl, 1.4841 oder Inconel werden nach Temperatur, Atmosphäre und mechanischer Belastung gewählt.

  • mechanisch belastbar
  • gute Wärmeleitung
  • für viele Standardprozesse geeignet

Keramische Schutzrohre

Für sehr hohe Temperaturen, aggressive Medien oder elektrisch isolierende Anforderungen. Al₂O₃ und SiC werden je nach Prozessumgebung eingesetzt.

  • hohe Temperaturbeständigkeit
  • chemische Beständigkeit
  • für Edelmetall-Thermoelemente relevant
WerkstoffgruppeBeispieleTypischer EinsatzEntscheidender Punkt
Edelstahl / Stahl1.0305, 1.4571, 1.4841Maschinenbau, Ofenbau, neutrale bis oxidierende AtmosphäreTemperatur, Korrosion und Zunderbildung prüfen
NickelbasisInconel 600Hochtemperatur, Heißgase, Salze, aufkohlende BereicheStandzeit gegen chemische Belastung abgleichen
KeramikC530, C610, C799hohe Temperaturen, elektrische Isolation, EdelmetalltypenGasdichtheit, Reinheit und Thermoschock beachten
SiliziumcarbidSiC, RSiCSchmelzen, starke Temperaturwechsel, OfenprozesseTemperaturwechselbeständigkeit und Medienangriff prüfen

Bei Typ R und Typ S ist Reinheit kritisch. Verunreinigungen aus ungeeigneter Keramik können die Edelmetall-Thermopaare messbar verfälschen.

Störeinflüsse, Alterung und typische Fehlerquellen

Thermoelemente sind robust, aber nicht unabhängig von Umgebung und Einbau. Die häufigsten Fehler entstehen nicht durch das Messprinzip, sondern durch Drift, falsche Leitungen, ungeeignete Schutzrohre, Vergleichsstellenfehler, Verunreinigungen oder mechanische Spannung im Thermopaar.

Grünfäule bei Typ K

Im Bereich von etwa 800 bis 1050 °C kann Chrom im NiCr-Schenkel verarmen, besonders bei Sauerstoffmangel. Die Folge ist Drift durch sinkende Thermospannung. Typ N oder ein dichtes Schutzrohr kann die bessere Wahl sein.

K-Effekt

Bei Typ K kann eine Nahordnung im Kristallgitter zwischen etwa 400 und 600 °C zu reversiblen Messabweichungen führen. Kritisch sind schnelle Abkühlungen durch diesen Temperaturbereich.

Vergiftung und Diffusion

Schwefel, Silizium, Phosphor oder Wasserstoff können Thermodrähte verändern. Bei Edelmetalltypen reichen geringe Verunreinigungen, um die Kennlinie zu verschieben.

Leitung und Vergleichsstelle

Falsche Ausgleichsleitung oder fehlende Kaltstellenkompensation erzeugen systematische Fehler. Das ist kein Sensorfehler, sondern ein Fehler in der Messkette.

FehlerquelleUrsacheRisikoPraxismaßnahme
Falsche LeitungAusgleichsleitung passt nicht zum Typsystematischer MessfehlerLeitung nach Thermoelementtyp auswählen
Vergleichsstellefehlende oder falsche Kompensationverschobene TemperaturanzeigeKaltstellenkompensation prüfen
Alterung / DriftGefügeänderung, Oxidation, Diffusionschleichende AbweichungTyp, Schutzrohr und Prüfintervall abstimmen
GrünfäuleChromverarmung bei Typ Ksinkende Thermospannung und DriftTyp N oder Schutzrohrkonzept prüfen
K-EffektNahordnung im NiCr-Schenkelreversible Abweichung im mittleren BereichAbkühlbedingungen und Typauswahl prüfen
Zu träger Aufbaumassives Schutzrohr, ungünstige EintauchtiefeRegelung reagiert zu spätAnsprechzeit gegen Standzeit abwägen
Mechanische Spannungenge Biegeradien, Zug, VibrationBruch oder instabile MessungEinbau und Zugentlastung sauber auslegen

Thermoelement oder Pt100?

Ein Pt100 ist kein Thermoelement. Beide Fühlertypen messen Temperatur, aber nach völlig unterschiedlichen physikalischen Prinzipien. Das Thermoelement nutzt den Seebeck-Effekt und erzeugt selbst eine kleine Spannung. Der Pt100 ist ein Widerstandsthermometer: Platin hat bei 0 °C einen Nennwiderstand von 100 Ohm, der sich mit der Temperatur ändert. Dafür braucht die Messung einen Messstrom.

Genau diese Trennung ist für Anwender wichtig. Wer nur nach „Temperaturfühler“ fragt, übersieht oft Signalart, Regleranschluss, Leitung, geforderte Messgüte und Einsatztemperatur.

MerkmalThermoelementPt100 / Pt1000
PrinzipSeebeck-Effekt, Thermospannung aus TemperaturdifferenzWiderstandsänderung eines Platin-Messelements
SignalµV bis mV, typabhängige KennlinieOhm-Signal, Pt100 = 100 Ω bei 0 °C
Energieselbstgenerierend, keine Speisespannung für das SensorelementMessstrom erforderlich, Selbsterwärmung beachten
Stärkehohe Temperaturen, kleine Bauform, schnelle Reaktion, VibrationReproduzierbarkeit, stabile Auswertung, Regelprozesse im unteren und mittleren Temperaturbereich
Typische GrenzeAuswertung, Drift, Ausgleichsleitung, SchutzrohrTemperaturbereich, mechanische Robustheit, Ansprechzeit

Thermoelement

  • hohe Temperaturen möglich
  • kleine Bauformen realisierbar
  • schnelle Ansprechzeiten
  • robust bei Vibration und engem Bauraum

Pt100 / Pt1000

  • für hohe Anforderungen an Messgüte geeignet
  • sehr gute Reproduzierbarkeit
  • stabile Kennlinie
  • sauber für Labor, Prüfstand und Regelprozesse
Anwendung
Empfehlung
Warum
Hohe Prozesstemperaturen
Thermoelement
Thermoelemente sind für hohe Temperaturen und robuste Industrieumgebungen besonders geeignet.
Hohe Anforderungen an Reproduzierbarkeit
Pt100
Widerstandsthermometer eignen sich besonders für Anwendungen mit hohen Anforderungen an Genauigkeit und Wiederholbarkeit im unteren und mittleren Temperaturbereich.
Schnelle Temperaturwechsel
Thermoelement
Kleine Messstellen und geringe thermische Masse ermöglichen kurze Ansprechzeiten.
Vibration, enger Bauraum, raue Umgebung
Thermoelement
Mantelthermoelemente können klein, robust und mechanisch belastbar ausgeführt werden.
Labor, Prüfstand, stabile Regelung
Pt100
Wenn Temperaturbereich und Dynamik passen, sprechen Reproduzierbarkeit und stabile Kennlinie häufig für Pt100 oder Pt1000.

Faustregel: Pt100 ist stark, wenn Messgüte und Reproduzierbarkeit wichtiger sind als Temperaturspitze. Thermoelement ist stark, wenn Hitze, Dynamik, Baugröße oder Mechanik den Prozess bestimmen.

Auswahlhilfe: in sechs Schritten zur passenden Messstelle

Die Auswahl beginnt nicht beim Sensortyp, sondern bei der Messaufgabe. Diese Reihenfolge reduziert Fehlentscheidungen in Konstruktion, Einkauf und Instandhaltung. Als Hersteller mit 100 % Produkttiefe kann Keller, Ihne & Tesch die Messstelle vom Thermopaar bis zum Anschluss als komplette Ausführung betrachten.

Messbereich definieren

Normalbereich, minimale Temperatur, maximale Temperatur und kurzzeitige Spitzen getrennt betrachten. Die höchste Zahl allein entscheidet nicht.

Medium klären

Oxidierend, reduzierend, neutral, feucht, aggressiv, Schmelze oder Gasströmung beeinflussen Typ, Schutzrohr und Standzeit.

Messgüte festlegen

Grenzabweichung, Drift, Kalibrierbedarf, Regler und Vergleichsstelle gemeinsam prüfen.

Mechanik prüfen

Einbautiefe, Durchmesser, Druck, Strömung, Vibration, Biegeradius und Zugentlastung definieren.

Ansprechzeit bewerten

Dünne Schutzrohre reagieren schneller, robuste Aufbauten halten mechanisch mehr aus. Hier liegt oft der Zielkonflikt.

Anschluss bestimmen

Anschlusskopf, Stecker, Leitung, Ausgleichsleitung, Einbauteile und Regleranschluss auf die Messkette abstimmen.

Branchen und typische Anwendungen

Thermoelemente werden überall dort eingesetzt, wo Temperatur unter industriellen Bedingungen zuverlässig erfasst werden muss. Die Bauform wird dabei stärker von Prozess und Einbau bestimmt als vom Sensortyp allein.

BrancheTypische AnwendungHäufige TypenBesonderheit
KunststoffverarbeitungZylinder, Düse, Werkzeug, HeißkanalJ, Kenge Bauräume und schnelle Reaktion
Ofenbau / WärmebehandlungOfenraum, Charge, HeißluftK, N, STemperatur, Atmosphäre und Schutzrohr entscheidend
Metall / GießereiSchmelze, Tiegel, GießrinneK, N, SSchutzrohr gegen Angriff des Mediums
Chemie / VerfahrenstechnikReaktor, Rohrleitung, DestillationK, J, NMedium, Druck und Anschlussart prüfen
Prüfstand / AutomotiveAbgas, Motor, BauteilprüfungK, N, JVibration und kurze Ansprechzeiten
Elektronik / HalbleiterProzessöfen, WärmeprozesseS, B, KReinheit und Prozessumgebung beachten

Thermoelement technisch klären Senden Sie Temperaturbereich, Medium, Einbausituation, gewünschte Reaktionszeit und Anschlussart. Wir prüfen Thermopaar, Schutzrohr, Leitung und Anschluss als komplette Messstelle.

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